Karneval

Berlin ist nicht Rio. Und auch nicht Köln. Das fängt schon damit an, dass Karneval hier Fasching heisst und allen Bemühungen der zugezogenen rheinländischen Politiker zum trotz in den Köpfen der Berliner praktisch nicht stattfindet.
Erstaunlich erscheint daher die Tatsache, dass heute angeblich knapp eine Million Menschen die Strecke des Karnevalsumzugs gesäumt haben sollen. Aber da dieser erst über den Kudamm und dann noch quer durch Mitte an allen touristisch relevanten historischen Bauwerken vorbeizieht, wurden vermutlich alle nichts ahnenden Passanten und Touristen einfach dazugerechnet.
Der größte Bezug zwischen dem Berliner und Karneval ist also wahrscheinlich das allgemein als "Berliner" bekannte Süßgebäck, das in Berlin selbst allerdings Pfannkuchen heisst. 
Mein persönliches Verhältnis zum Fasching ist eigentlich ein sehr gutes, zumindest was die ersten 12, 13 Jahre meines Lebens angeht. Da mein Geburtstag im Februar liegt, habe ich bis dahin bei allen Kindergeburtstagen darauf bestanden, dass meine Gäste verkleidet erscheinen. Das war auch der einzige Vorteil, den ein Geburtstag im traditionell gerade in Berlin furchtbaren Februar zu bieten hatte.
Mein Lieblingskostüm, das ich auch mehrere Jahre hintereinander getragen habe, bevor ich irgendwann nicht mehr reingepasst habe, war das Katzenkostüm, an das ich bis heute gerne zurückdenke.
Mit fortgeschrittenerem Alter spielte die fünfte Jahreszeit in meinem Leben allerdings eine ähnlich große Rolle wie beim Rest der Berliner - nämlich gar keine.
Insofern ist der Blick in traditionelle Karnevalshochburgen von hier aus immer ein relativ skeptischer. Mit Befremden nimmt man die alljährlichen Fernsehbilder von Umzügen, Prunksitzungen und Alkoholexzessen zur Kenntnis und fragt sich, was in den Köpfen dieser Menschen wohl vorgehen mag. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es im wesentlichen um nichts anderes als Alkohol und Sex geht; in besonderer Weise unterstützt durch die Tatsache, dass man mit der Verkleidung nicht nur seinen alten Look, sondern zusätzlich auch seine Alltags-Persönlichkeit ablegt und dadurch noch ungebremster alle Hemmungen fallen lassen kann. Kopfschüttelnd registriert man feierwütiges Jung- und Altvolk, deren einziges Ziel zu sein scheint, möglichst viele "Bützchen" (so nennt der Kölner verniedlichend das wahllose Rumgeknutsche mit Menschen anderen oder gleichen Geschlechts, deren Qualifikation darin besteht, dass sie zufällig gerade neben einem stehen) zu sammeln und sich alkohol-technisch elegant kurz vor der Kotzgrenze zu bewegen.
Zwangsläufig stellt sich dann die Frage, was vom "bunten Treiben" noch übrig bleiben würde, wenn man aus welchen Gründen auch immer (zum Beispiel Schwangerschaft, feste Beziehung, Leberschäden oder von allem ein wenig) auf Alkohol und Sex verzichten müsste.
Doch bevor man sich zu tief in solcherlei Gedankengut hineinsteigert, sollten die Alarmglocken läuten. Denn Parties, Club-Besuche und Feierlichkeiten aller Art verlieren auch außerhalb der wilden Karnevalszeit deutlich an Wert, wenn man sich Saufen, Drogenkonsum und sexuelle Energie wegdenkt.
So gestand mir ein Freund vor kurzem, dass er, nunmehr verheiratet und junger Vater, ernsthaft mit dem Gedanken spielt, in ein Haus in der Berliner Peripherie zu ziehen anstatt weiterhin in Prenzlauer Berg zu wohnen, da die Nachteile solcher Gegenden (Hektik, Trubel, Lautstärke) durch die Vorteile (Nachtleben, Ausgehen, Trinkhallen) nicht mehr ausgeglichen werden, da man einfach nicht mehr so häufig ausgeht.
Es gipfelte in dem Satz: "Eigentlich bin ich ja früher schon meistens mit der Absicht ausgegangen, was zum Vögeln mit nach Hause zu nehmen." Ein Satz, bei dem man zunächst zusammenzuckt, der aber bei Licht betrachtet weniger drastisch ist als man denkt. Ich glaube, dass die meisten Menschen solcherlei Gedanken im Hinterkopf haben, aber sich selbst und anderen gegenüber nicht ehrlich genug sind, sie in dieser Deutlichkeit zu formulieren; zumindest nicht laut.
Also, bevor man mahnend den Zeigefinger erhebt, sollte man einfach akzeptieren, dass der Rausch als solcher, ob sexuell oder durch Rauschmittel herbeigeführt, offensichtlich in der Natur des Menschen liegt und dementsprechend egal ist, welche Wege er sich bahnt.
Und skurrile Situationen, wie zum Beispiel ein Mann im Elefantenkostüm, der beim Rewe noch mal schnell Klopapier kauft, sind doch letztendlich sympathischer als 3 Tage wache Pillenfresser, die einem in der Bar 25 stundenlang eine Extasy abschwatzen wollen, obwohl man schon nach Sekunden zur verstehen gegeben hat, dass man nicht im Besitz von so etwas ist.
Leben und leben lassen, sag ich ja immer. Und jedem das Seine.
In diesem Sinne: Kölle Alaaf! (klingt einfach viel besser als der Berliner Schlachtruf "Berlin - Heijo!")

Olympia!

Ich bin ein begeisterter Wintersportfan! Puh, befreiend, so ein Outing. 
Wer mich kennt, weiss natürlich, dass ich leider Gottes eher passiver Fernsehsportler als aktiver Pistenhengst bin. Aber immerhin geht meine Liebe zum Wintersport so weit, dass ich schon zweimal Silvester in Penzberg, einem kleinen Ort in der Nähe von Garmisch, verbracht habe, um tags darauf das traditionelle Neujahrs-Skispringen live miterleben zu dürfen; das eine Mal sogar zum Milleniumswechsel. Während sich alle anderen über Monate Gedanken darüber machten, wie sie wohl die Mutter aller Silvesterabende möglichst exzessiv und krasser als jemals zuvor verbringen würden, ging ich um 12 Uhr kurz auf die Straße, erfreute mich an den 10, 12 Raketen im beschaulichen Penzberg und schlief spätestens um 3 Uhr ein. Bereut habe ich das bis heute nicht!
Dementsprechend beginnen für mich jetzt allem Album-Veröffentlichungsstress zum trotz zwei großartige Wochen! 
Zwar hat Vancouver allem Anschein nach außer einem extrem hohen Lebensstandard nicht besonders viel zu bieten, wenn Wikipedia als "berühmte Söhne und Töchter der Stadt" niemand anderen als James Doohan (Scotty von der "Enterprise") und Yvonne De Carlo (Mama Munster aus der Serie "The Munsters") auftreiben konnte. Aber darum geht es ja auch nicht wirklich.
Sicher, die "Jugend der Welt" trifft sich dort schon lange nicht mehr. Sicher, es ist ein Geschäft und der Wille zum Spektakel schreckt nicht mal mehr vor unsinnig schnellen Eisrinnen zurück.
Aber auch ohne olympischen Geist bleibt für mich immer noch genug Emotion übrig, dass mir ein spannendes Schlussfinish im Biathlon die Tränen in die Augen treiben kann.
Was ich generell am Sport ganz gerne mag, ist, dass in den meisten Fällen tatsächlich der Beste gewinnt. Zeiten und Weiten sind objektiv messbar. Kein Dieter Bohlen entscheidet, welche uninspirierte Hupfdohle einen noch uninspirierteren Song zum Mega-Hit macht während wesentlich niveauvollere Kunst am Zuhörer vorbei für die Mülltonne produziert wird.
Kein "Schuh des Manitou" sticht dummdreist wesentlich anspruchsvollere Filme mit links aus, deren Regisseure vier, fünf Jahre brauchen, um aus irgendwelchen Filmfördertöpfen genug Geld zusammenzuschnorren, um das nächste Meisterwerk, das keine Chance auf Publikum hat, zu kreieren bis sie letztendlich frustriert aufhören.
Mag das IOC auch noch so korrupt und geldgeil sein; den meisten Sportlern ist sowas völlig egal. Sie trainieren vier Jahre, um auf den Punkt fit zu sein und ihre Bestleistung abzurufen, und leben ihren Sport mit Leib und Seele.
Wer von uns kann das schon behaupten? 
In diesem Sinne: viel Spass bei Olympia! 

Was ist los in deutschen Betten?

Wie die DAK kürzlich verlautbaren liess, hat die Wirtschaftskrise mittlerweile auch die deutschenSchlafzimmer erreicht.
Ich weiß genau, was Ihr jetzt denkt! Aber ausnahmsweise geht es mal nicht um Erektionsprobleme oder vorgetäuschte Migräne, sondern schlicht und ergreifend um Schlafstörungen.
Den durchaus logischen Zusammenhang zwischen wirtschaftlichen Problemen und stundenlangem Wachliegen, den ich aus persönlicher Erfahrung bereits seit Jahrzehnten, das heisst lange vor und unabhängig von etwaigen Krisen, gut kennen müsste, ist mir eigentlich erst durch diese kleine Meldung so richtig klar geworden.
Sicher, ein Problem-affiner Mensch wie ich findet natürlich auch in Zeiten persönlichen Wohlstandes noch genug Gründe sich grübelnd die Nächte um die Ohren zu hauen.
Sei es, dass man sich in Zeiten einer kreativen Baisse einredet, nie wieder in der Lage zu sein, einen Song zu schreiben; sei es, dass sich der Bundesliga-Verein seines Vertrauens gerade in akuter Abstiegsnot befindet (beides trifft auf mich im übrigen gerade zu) - das Wohlbefinden braucht ja oft nur kleinste Anlässe, um sich zumindest fürs erste wieder zu verabschieden.
Aber wirtschaftliche Probleme und/oder daraus resultierender häuslicher Unfrieden aufgrund der ungewissen Zukunft tragen auch meiner Erfahrung nach tatsächlich ganz besonders zu unruhigem Schlaf bei.
Interessanterweise versucht die DAK allerdings gar nicht erst, Lösungsvorschläge anzubieten, sondern weist lediglich darauf hin, dass die Lebenserwartung, sowie die Leistungsfähigkeit durch mangelnden Schlaf deutlich reduziert wird.
Mehr noch, nur wenige Wochen zuvor trägt sie mit einer Beitragserhöhung sogar zum Problem bei.
Sicher, die Möglichkeiten der Krankenkassen sind natürlich begrenzt. Aber es ist doch erstaunlich, dass Studien in Auftrag gegeben werden, deren Resultate nicht nur keinerlei Veränderung bewirken können, sondern durch ihre kostspielige Erstellung sogar Wasser auf die Mühlen all der Krankenkassen-Controller spülen, deren Preispolitik das untersuchte Problem mitverursacht.
Das ist ein wenig so, als würde man für viel Geld einen Finanzberater engagieren, der einem klar macht, dass man nicht immer so pleite wäre, wenn man endlich auf diesen sinnlosen Finanzberater verzichten würde.
Naja, wir Schlafgestörte, ob aus finanziellen oder anderen Gründen, müssen wohl jeder unseren eigenen Weg finden, um aus unserer persönlichen Krise herauszukommen.
Eine zeitlang dachte ich, besoffen ins Bett zu fallen oder mit dem letzten dicken Joint in der Hand einzuschlafen wäre eine praktikable Lösung.
Das kann man aber ausschliessen, probiert es gar nicht erst aus!
Stattdessen glaube ich mittlerweile an eine warme Suppe, eine heisse Milch und vor allem an sehr viel Gelassenheit…
in diesem Sinne, gute Nacht!